OHP 2015 Spectroscopy Workshop

Spektroskopie
Berichte


OHP St. Michel/Frankreich

Lat. 43°55´51´´ N         Long. 05°42´48´´ E

13. bis 18.08.2015

 

Instrument: Astrophysics Starfire 130, LHires III Spektrograph, SBIG ST10, Hutech-modif. Canon30D, StarAnalyser SA100

 

Vorbemerkung: große Teile dieses Berichtes hatte ich bereits während des OHP geschrieben und dann Ende August fertiggestellt. Es waren nur mehr die Bilder einzufügen, als mein Leichtsinn in Form eines Festplattencrashs böse bestraft wurde, denn die Datei war noch nicht gesichert, ebenso die Spektrenaufnahmen vom OHP. Noch hatte ich die Hoffnung, daß die Datenrettungsfirma die OHP-Datei wieder herstellen kann, doch vor ein paar Wochen stellte sich dann leider heraus, daß sie durch den Crash unwiederbringlich verloren war. Daher erst jetzt der Bericht vom OHP.

 

Alljährlich findet am Observatoire de Haute Provence (OHP) ein spectroscopy workshop statt, der von der bekannten Gruppe der französischen Amateurspektroskopiker veranstaltet wird. Es hat sich zu „dem“ jährliche Treffen der in dieser Sparte tätigen Amateurastronomen entwickelt. Die französische Gruppe besteht aus in der Szene so bekannten Namen wie Christian Buil, Valerie Desnoux, Olivier Thizy, Francoise Cochard u.v.m., die letzteren beiden sind auch in der Fa. Sheylak tätig, die mehrere Spektrographen für Amateure herstellt. Überdies haben Ch. Buil und V. Desnoux die bekannten Spektroskopieprogramme ISIS und VSpec entwickelt. Neben einer großen Gruppe von Teilnehmern aus Frankreich, waren auch Deutschland, Österreich die Schweiz, USA und Australien vertreten, insgesamt über 50 Teilnehmer.

Am 11.8. am späteren Nachmittag verlies ich mit Manfred Schwarz (BAA), mit dem ich schon im vergangenen Oktober den Workshop in Wuppertal besuchte, sowie mit seinem Sohn André, der Physik studiert, Wien in Richtung Süden. Gegen 23 Uhr kamen wir in Verona an, wo wir nächtigten und am nächsten Morgen die weitere Etappe über Mailand und Turin nach St. Michel unter die Räder nahmen, einem kleinen Ort in den südlichen Ausläufern der französischen Alpen nördlich von Marseille. Unser Freund Ernst Pollmann, schon seit Jahren ein Besucher des OHP Workshops, hatte bereits in einem kleinen Hotel im Ort für uns Zimmer reserviert. Da wir bereits am frühen Nachmittag ankamen, nutzten wir die Zeit für eine kleine Besichtigung des Ortes und daran anschließend für ein gutes französisches Abendessen in unserem Hotel.

 

 

St. Michel am Fuße eines Hügels gelegen

 

Unser Hotel “Zum Observatorium”

 

Nach Einbruch der Dunkelheit erklommen wir eine kleine Anhöhe, auf der nicht nur eine Kirche stand, sondern von wo man auch einen guten Rundblick hatte. Vom OHP zeigte zu unserem Erstaunen ein grüner Laserstrahl in Richtung des Schwans. Erstaunen deshalb, da es an den Geräten des OHP unseres Wissens nach keine adaptive Optik gab. Später sollte sich herausstellen, daß der Laser zur Messung der Atmosphäre dient. Der eigentliche Grund die Anhöhe zu besteigen waren aber die Perseiden, die diese Nacht ihr Maximum erreichten. Im Abstand von 2-3 Minuten zogen Sternschnuppen über den Himmel. Es werden sicher deutlich mehr gewesen sein, denn bekanntlich sieht man ja immer in die falsche Richtung.

 

Donnerstag zu Mittags begann der Workshop zunächst mit einem gemeinsamen Mittagessen. Es folgte eine allgemeine Einweisung in den Ablauf des Workshops und daran anschließend begannen die Teilnehmer ihre Geräte aufzubauen. Im Nu entstand ein ganzer Teleskopwald, überwiegend SCTs, denn bei der Spektroskopie kann man bekanntlich nicht genug Öffnung haben. Aber auch so einiges an Refraktoren war vertreten u.a. Manfreds Starfire 130 auf einer Losmandy G11 und einem LHires III Spektrographen.

 

Olivier Thizy und Francois Corchard, die Organisatoren und Eigentümer der Fa. Shelyak

 

 

Groß aber fein und teuer. Ein 12-Zoll Meade auf einer 10 Micron GM 2000 HPS

mit einem LISA-Spektrographen und 2 ATIK-Cameras

 

In der ersten Nacht (13.8.) waren wir ob aufziehender Bewölkung zur Untätigkeit verdammt. Nach dem Abendessen planten wir gemeinsam mit Ernst Pollmann und seinem Freund Thilo Bauer im Hotel am PC aktuelle Spektren zu bearbeiten, doch bei französischen Rotwein wurde daraus ein Plaudern und Fachsimpeln bis gegen Mitternacht, sodaß wir beschlossen die Arbeit auf morgen zu verschieben.

Am Freitag war dann offizieller Start, vormittags mit einem einführenden Kurs in die Spektroskopie, den André besuchte. Ernst, Manfred und ich zogen uns in die ruhige Bibliothek zurück, wo uns Ernst in einer Art Privatseminar mit vielen Feinheiten und Raffinessen der Datenreduktion von Spektren vertraut machte, eine Gelegenheit, die sich entgehen zu lassen, einer spektroskopischen Todsünde gleichkommt.

 

Manfred und Ernst beim vormittäglichen Privatissimum

 

Nach dem Mittagessen stand eine Besichtigung des Hauptteleskops des OHP am Programm. Das Observatoire de Haute-Provence (OHP) ist eine im Optischen arbeitende Sternwarte auf einem Hochplateau im Südosten Frankreichs. Sie liegt ca. 90km östlich von Avignon und 100km nördlich von Marseille auf 650m Höhe auf einem Plateau im Alpes-de-Haute-Provence département bei 42°55´51"N 5°42´48"E. Es besitzt drei große Spiegelteleskope mit 1,2 bis 2 m Öffnung.

Das OHP wurde 1937 als nationale Einrichtung für die französische Astronomie gegründet und nahm 1943 mit dem 1,20-m-Teleskop den Betrieb auf. Die Beobachtungsbedingungen sind mit etwa 60 % nutzbaren Nächten und einem Seeing typisch um 2" zufriedenstellend für einen kontinentaleuropäischen Standort. Bei Mistral verschlechtert sich das Seeing merklich.

Natürlich darf der Hinweis, daß Michel Mayor und Didier Queloz 1995 hier mit dem Spektrographen ELODIE den ersten Exoplaneten 51 Peg entdeckt haben, nicht fehlen.

 

 

 

Die vier Hauptinstrumente des OHP sind Spiegelteleskope:

 

 

 

“moderne” Belüftung; man sieht das Baujahr

 

Der ELODIE Spektrograph

 

 

Reflexionsgitter, die neidisch machen

 

Weitere Teleskope am Standort des OHP werden vom Genfer Observatorium und von CNES betrieben.

Der Freitag setzte sich fort mit einem Vortrag von Steve Shore, einem amerikanischen Astronomen, der seit einigen Jahren auf der Universität in Pisa tätig ist. Vortragsthema waren Scheiben um Sterne, vor allem im Zusammenhang mit Be-Sternen und deren spektroskopische Eigenschaften. Nicht nur, daß das Thema interessant war, vor allem die lebhafte und anschauliche Art des Vortrages sorgte für anhaltende Aufmerksamkeit, zumindest bei jenen, die wissensmäßig mit dem hohen Level des Vortrages so halbwegs mithalten konnten.

 

Steve Shore in seinem Element

 

Fortan gab es jeden Nachmittag einen Vortrag von Steve Shore, einer interessanter als der andere und jeder forderte höchste Konzentration, denn die regelmäßigen Unterbrechungen, damit Olivier Thizy vom Englischen ins Französische übersetzen konnte, störten doch sehr den Fluß des Vortrages. Auch wenn ich in den 15 Jahren, in denen ich mich nun mit der Astronomie beschäftige mein schon rudimentär gewesenes Schulenglisch durch das viele Lesen englischer Fachliteratur aufgemöbelt habe, bin ich doch weit davon entfernt zu behaupten ich könne gut Englisch. Aber jedenfalls ist es soviel, daß ich einem astronomischen Vortrag in gut gesprochenem Englisch fast problemlos folgen kann. Frankreich tickt da sicher etwas anders, aber heute hat in der Wissenschaft Sprachchauvinismus einfach keinen Platz mehr. Und die Sprache der Wissenschaft ist heute Englisch, gleich auf welchem Fachgebiet. Jedenfalls waren für uns die täglichen Vorträge von Steve ein absoluter Hochgenuß. Er tauchte wortwörtlich mit Händen und Füßen in das Thema ein und aus seinen Augen blitzte dermaßen Begeisterung, daß es unmöglich war sich dieser Faszination zu entziehen.

Eine Steve´sche Anekdote am Rande: Steve saß einmal beim Mittagessen bei uns und sofort entwickelte sich zwischen ihm und Ernst eine angeregte Diskussion. Steve zog einen Kuli hervor und binnen Minuten war das Tischtuch (Papier) voll mit Skizzen und Formeln.

So wie Steve´s Vorträge zur täglichen Routine wurden, wurden es auch unsere vormittäglichen privaten workshops mit Ernst. An dieser Stelle sei ihm nochmals in unser beider Namen gedankt für die Bereitschaft sein Wissen und seine Erfahrung an uns weiterzugeben. Damit lassen sich viele leere Kilometer sparen und viel Frust vermeiden, wenn man nicht erst jedesmal selbst darauf kommen muß, wo sich Fehler und Ungenauigkeiten einschleichen, die dann das Ergebnis womöglich wissenschaftlich wertlos machen. Nur ein Beispiel dazu: von jedem Spektrum muß bei der Datenreduktion der Himmelshintergrund abgezogen werden. Jedes Spektroskopieprogramm kann das automatisch, nur hat man keine Ahnung wo in der Aufnahme die Software den Himmelshintergrund mißt. Eine sorgfältige Analyse des Rohbildes mit MaximDL zeigt, daß sich ober- und unterhalb des Spektralstreifens, wo man rein visuell schon Hintergrund vermutet sehr wohl noch Emissionen des Spektrums befinden. Legt man dort den abzuziehenden Hintergrund hinein, zieht man ohne es zu wissen auch spektrale Information im Zuge der Datenreduktion ab.

An einem der Nachmittage stellte Ernst die bevorstehende Eklipse des Systems VV Cephei vor. Das System besteht aus einem roten Überriesen und einem Begleiter (vermutlich ein B-Stern) mit einer Orbitalperiode von 20,4 Jahren. Während des Periastron kommt es zu einem Massentransfer vom roten Riesen zum Begleiter. 2017/18 steht nun wieder eine fast 2 Jahre dauernde Bedeckung bevor, die Profis wie Amateure intensiv zur Datengewinnung nutzen wollen. Die Hoffnungen sind groß danach zumindest einige der vielen offenen Fragen zu diesem System beantworten zu können.

 

 

Pollmann bei seinem Vortrag über das Doppelsternsystem VV Cephei

 

Die Abende verbrachten wir mit der Gewinnung von Spektren, wobei sich Manfred vor allem auf Gamma Cas und VV Cephei konzentrierte, an denen Ernst besonders interessiert ist.

 

 

 

Spektrengewinnung unter dem Nachthimmel der Provence

 

Bekanntermaßen konzentrieren sich Amateure bei der spektralen Untersuchung von Sternen vor allem auf die Ha-Linie. Steve Shore regte an sich auch den anderen Linien der Balmerserie zu widmen. Auch wenn sich ein 130mm Refraktor nicht gut mit einem SCT der 11-14 Zoll Klasse vergleiche läßt, so zeigte sich doch, daß bereits bei Hbeta eine deutlich geringere Intensität gegeben ist und es daher mit Amateurausrüstung alles andere als leicht ist, noch ein ausreichendes S/N-Ratio zu erzielen.

Ich hatte mir für das OHP vorgenommen mit der DSLR und Fotoobjektiv Spektren mit dem StarAnalyser aufzunehmen. Dies sollte der Vorbereitung der Jahrestagung der WAA dienen, wo ich gemeinsam mit Manfred Schwarz und Siegfried Hold über unsere spektroskopischen Aktivitäten berichten soll. Mein Part ist es anhand des StarAnalysers den kostengünstigen Einstieg in die Spektroskopie zu zeigen. Neben Spektren von Gamma Cas und delta Sco gelang es mir auch ein Spektrum der vorbeifliegenden ISS zu gewinnen. Alles vergebliche Liebesmüh, denn die Daten gingen beim Plattencrash verloren.

Dienstag nach dem Mittagessen traten wir die Rückreise an und fuhren in 14 Stunden nonstop von St. Michel bis Wr. Neustadt bzw. Wien etwas über 1400km. Müde aber zufrieden kamen wir an. Es war ein Erlebnis, daß wir nicht missen wollen, zeigte es uns doch wie eng und fruchtbar heute Profis und Amateure in der Astrophysik zusammenarbeiten und Ergebnisse erzielen können, die eine Gruppe alleine nicht zustande brächte.

 

Ein Blick auf die Alpenausläufer


Aktualisiert am 28.11.2015

© BAA
 

Dr. Thomas Schroefl